Verdächtige Kontoausgänge: Gegen den Gründer der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ wird wegen Untreue ermittelt. Zwei ehemalige Vorsitzende werfen ihm Unregelmäßigkeiten vor.

GÖTTINGEN taz | VON REIMAR PAUL
Die Führung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) will die internen Querelen mit einem formalen Kraftakt beenden. Der Vorstand der traditionsreichen Menschenrechtsorganisation will den Exvorsitzenden Harald Klein und dessen Vize James Albert loswerden und hat bei der Schiedskommission deren Ausschluss wegen angeblich vereinsschädigenden Verhaltens beantragt.

Auf der Jahreshauptversammlung der GfbV an diesem Wochenende in Göttingen will sich Albert gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen. Ob er Rederecht erhält, ist aber fraglich. Seit Jahren leidet die Arbeitsfähigkeit der Organisation unter dem Streit über die Rolle von Tilman Zülch. Zülch, der die GfbV 1970 (mit-)gründete, gilt in der Menschenrechtsszene inzwischen als problematisch und vielen Mitstreitern als nicht mehr tragbar.

Die Konflikte verschärften sich Ende 2010, als der Freiburger Rechtsanwalt Klein und der pensionierte Göttinger Oberstudienrat und Indienexperte Albert zum Bundes- und Vizevorsitzenden der GfbV gewählt wurden. Sie stellten nach eigenen Angaben finanzielle Unregelmäßigkeiten bei dem eingetragenen Verein fest und monierten auch das Anstellungsverhältnis von Zülch. Dieser habe als ehrenamtliches Vorstandsmitglied nicht gleichzeitig bezahlte Arbeit leisten dürfen. Deshalb kündigten sie seinen Vertrag als Generalsekretär.

In dem Ausschlussantrag wirft der Vorstand Klein und Albert nun unter anderem vor, sie hätten dem Bundesbüro den Zugang zu seinen Bankkonten versperren und der GfbV durch die Verbreitung von Unterschlagungsvorwürfen beim Finanzamt die Gemeinnützigkeit entziehen lassen wollen. Dadurch sei der Organisation schwerer Schaden entstanden.

Eine Anzeige von Albert gegen Zülch wegen Veruntreuung, in deren Folge auch die Göttinger Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm, habe katastrophalen Folgen „für den absurd beschuldigten Gründer und Generalsekretär des Vereins und den Verein selbst“ gehabt. Das Ermittlungsverfahren ist immer noch anhängig, bestätigte die Staatsanwaltschaft der taz.

„Selbstherrliche Führung“

Albert hält daran fest, dass Zülch als Vorsitzender zu Unrecht Gehalt bezogen hat – ausweislich der Steuerbescheinigung immerhin mehr als 70.000 Euro. Die Rückforderung dieses Betrages sei nicht verwerflich. Albert sagt, er habe festgestellt, dass das „Vier-Augen-Prinzip“ bei Überweisungen durch bestehende Einzelvollmachten, etwa beim Onlinebanking, teilweise „in grober Weise umgangen“ worden sei. Schließlich sei ihm selbst, als er seine Recherchen fortsetzte, die Kontovollmacht entzogen worden.

Vorwürfe gegen Zülch erhebt auch der frühere GfbV-Vorstand und Freiburger Menschenrechtsaktivist Günter Wippel. „Es ist klar, dass der Verein von ihm selbstherrlich geführt wird, vor allem in Bereichen, die ihn persönlich interessieren – wie das Thema Vertriebene“, sagt Wippel. Mit den Vorwürfen konfrontiert, sprach Zülch am Donnerstag von einer von Albert inszenierten „Verleumdungskampagne“. „Wir sind nicht bereit, darauf einzugehen, weil Rechtsanwälte deswegen inzwischen eine Klage gegen ihn vorbereiten“, schrieb er in einer E-Mail an die taz.

Was der Konflikt für einen Schaden anrichtet, ist daran zu erkennen, dass etwa die Afghanistanarbeit der GfbV seit vielen Monaten weitgehend brach liegt. Referent Tillmann Schmalzried erkrankte Ende 2011 nach Monate langem Streit um einen Arbeitsvertrag, offene Gehälter und inhaltliche Differenzen. „Ich kann da nicht mehr arbeiten wegen der Seilschaften im Büro“, sagte Schmalzried der taz. „Weil ich auf meinem Vertrag bestanden habe, gehöre ich zum feindlichen Lager.“ Der Rechtsstreit endete mit einem Vergleich.

Wenn Albert an diesem Samstag Rederecht einfordert, befürchtet der ehemalige GfbVler Martin Rzeszut eine Eskalation. „Eine gewisse Gewaltbereitschaft einiger GfbV-Mitglieder kann nicht ausgeschlossen werden“, schreibt er in einer E-Mail an die taz. Er verweist auf eine Mitgliederversammlung der österreichischen Sektion im Jahr 2008. Dort waren einem Augenzeugen zufolge Teilnehmer mit Fäusten aufeinander losgegangen.

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10 Responses to Verdächtige Kontoausgänge: Gegen den Gründer der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ wird wegen Untreue ermittelt. Zwei ehemalige Vorsitzende werfen ihm Unregelmäßigkeiten vor.

  1. navždy says:

    Not to forget how Mato Dujmusic, the personal assistant of the “King” of the Society of Threatened Peoples got beaten up by Zülch, after Mato “dared” to tell the former board of directors the TRUTH. During the former board of directors investigation about the disappearance or irregularities in the accounting of huge amounts of moneys, Mato gave the GfbV-board important insider information, he knew that this was the right thing to do, that it was his duty. The result: He was blackmailed, very badly treated by the German staff , and he lost his job and health. And he did nothing but telling the truth to the organizations board of directors that was elected by its members. Tillman even went to Mato’s home in the dark, at night, to frighten and bully him. Mato filed charges against the Society for Threatened Peoples, and won his court case against the organization GfbV and Tilman Zülch. This former board of directors did for the first time what was long due, they checked the books, found evidence of irregularities and began to question, to investigate. The staff and their King refused to give answers. The blackmailing circle, for which the GfbV and their King are so well known, began. It went so far that the board of directors had no access to any information, books, accounting, dialogue.

    • Augustin says:

      Mato ist damals bei der 40jährigen Geburtstagsparty mit Nervenzusammenbruch in die Charite gekommen und musste pschychologisch behandelt werden. Torsten aus dem Aktionsreferat (vor zu der Zeit als Sandra Bremer dort das dreiköpfige Referat leitete – die ebenfalls im Streit mit Tilmann ging) war ähnlich wie Mato immer da und hat ihn rund um die Uhr beglückt. Als sein Vertrag nicht verlängert wurde, weigerte sich Tilman, die hunderten von Überstunden, die er nicht mehr abfeiern konnte, auszubezahlen. Nach über einem Jahr machte Torsten dann via Anwalt diese Stunden (zu Recht und erfolgreich) geltend. Seitdem hat er Hausverbot.

      Aber da gibt es noch inhaltliche Probleme bei der GfbV, von denen ich eine böse Ahnung hab, die der GfbV noch den Bankrott bedeuten können. Es täte mich jedenfalls nicht überraschen, wenn da demnächst noch die eine böse Bombe hochgeht.

  2. Anonymous says:

    Well, well, so Mr. Zulch threatens to launch a court case against Mr. Albert.
    A very strange Idea, after distorting facts, launching highly questionable actions against board members asking legitimate questions.
    The political affiliations of “Society for threatened Peoples” are and remain unclear, its goals mysterious, at best.
    Someone called him the “King” – well, maybe, it’s more an Emperor – but the Emperor has no clothes on … not anymore.

  3. Wilhelm says:

    Unter diesem Taz Artikel auf der TAZ webseite finden wir ein Leserbrief von Jan Dietrichen, der sich dort als “Journalist” ausgibt, und die Zeitschrift beschimpft unkritisch zu sein, und Reimer Paul welcher den TAZ Artikel geschrieben hat unlautere Bewegründe vorwirft. Auch wieder ein gutes Beispiel der Machenschaften in dem GfbV, das ein Vorstandsmitglied lügt um Vorwüfe gegen die GfbV zu entkräftigen.

    http://www.taz.de/Fuehrungsstreit-im-Menschenrechtsverein/Kommentare/!c104734/

    • Menschenrechtsarbeit 2013 says:

      Schon vor ca 13 Jahren gab es in der deutschen Gfbv-Sektion finanzielle Unregelmäßigkeiten in fast Millionenhöhe, die nie aufgeklärt worden sind oder strafrechtlich verfolgt wurden. Die beteiligten Vorstände haben sich auch damals schon nicht gegen die Verantwortlichen durchsetzen können. Die Angelegenheit wurde unter den Tisch gekehrt.

      Auch hatte die deutsche Gfbv -Sektion schon immer gegenüber dem Spendensiegel Schwierigkeiten, die Höhe der Aufwendungen für Spendenaufrufe, Verwaltungskosten und sonstige Büroaufwendungen plausibel zu machen.

  4. manamama says:

    Interessant . . Jan Dietrichen, der ein Kommentar zum TAZ Artikel schrieb, wo er Reimar Paul beschimpfte, und sich dabei als Journalist ausgab ( aber in Wirklichkeit der neue Stellvertretende GfbV Vorstand ist und das völlig vergaß zu erwähnen !) . . .hat sein Kommentar auf der TAZ und diesem blog entfernt, nachdem sein Schwindel aufgedeckt wurde. So ist das nun mal mit der GfbV, man lässt weg was keiner wissen soll, und verdreht Tatsachen wie es einem so passt, und versucht zu löschen wo man einen Fehler begangen hat, anstatt zu diesem zu stehen.

  5. M.Ahlborn says:

    In einer Verlautbarung sprach die GfbV von dem ‘umstrittenen Lehrer Albert’. Hier kann doch seine ehemalige Schule oder es können die Schülerinnen und Schüler am besten zur Klärung beitragen. Wenn er Grundschullehrer war, hat er den Kindern falsche Zahlen beigebracht? Kein Wunder er hat auch von veruntreuten 70000 Euro berichtet. Vielleicht kann er mit so großen Zahlen gar nicht rechnen. Merkwürdig, dass diese Kritik erst von der GfbV kommt und nicht von der Schulbehörde, deren Aufgabe es wäre, ‘umstrittenen Lehrern’ auf die Finger zu schauen.
    Nachprüfungern sind angebracht! Die Steuerfahndung wäre die richtige Adresse!

  6. Dr. James Albert says:

    The general public should judge for itself, what kind of organisation the “STP” (Society for threatened peoples”) is. They threw me out of the society (exclusion) in a general assembly on 3rd november 2012. Then they had the audacity to deduct “membership fee” from my bank account for december 2012!!
    This is just one example of their conduct! There many more that can be quoted.

  7. e1234567890@hotmail.com says:

    Und es geht weiter mit den schlimmen Geschichten, die sich um den Namen des Menschenrechtsvereins Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ranken.
    11.02.1012 erklärte nun die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Schweiz “Opfer” einer substanziellen Veruntreuung geworden zu sein.

    Mitglieder des ehemaligen Vorstands der GfbV welche in dem Hauptsitz des Vereins in Deutschland 2011 schon Veruntreuung von Spendengeldern entdeckten und gegen die Menschenrechtsorganisation GfbV Anzeige erstatteten, haben dafür nur ein trauriges, wissendes Lächeln übrig.

    Interessant zu bemerken, das die GfbV Schweiz in der Pressemitteilung über die Veruntreuung von Geldern ein Foto benutzt, welches ein indigenes Kind in Wasser stehend zeigt, wohl wissend das die Fotografin und ehemalige Ehrenamtliche der GfbV dem Geschäftsleiter der GfbV Schweiz (Christoph Wiedmer ) die Benutzung Ihrer Fotos der GfbV ausdrücklich verboten hatte, und auch die Eltern des Kindes in dem Foto einer Veröffentlichung nicht zustimmten.
    Aber Christoph Wiedmer – GfbV Schweiz kümmert sich nicht um Rechte, obwohl man eigentlich davon ausgehen sollte, denn die GfbV soll angeblich eine Menschenrechtsorganisation sein.

    Auch die GfbV Deutschland und Italien benutzen Arbeiten und Bilder für Ihre Eigenwerbung, in Spendenaufrufen oder auf Ihren Webseiten, gegen den Willen und ohne die Erlaubnis von den Autoren. Schon viele haben sich beschwert, ich kenne 4 Leute, aber die GfbV macht munter weiter. Kann man anscheinend, man ist ja eine Menschenrechtsorganisation und tut Gutes . . . .(und stopft sich die Gelder in die eigenen Taschen, und mobbt die – welche bei dem Schmutz nicht mitmachen wollen )

    So wurden August 2011 auf der Hauptwebseite der GfbV Deutschland (Das machen wir – Erfolgreiche Initiativen) Fotos von Christina Haverkamp der Yanomami Indianern benutzt um GfbV Mitgliedern und möglichen Spendern vorzugaukeln das die GfbV Yanomami Projekte von Christina Haverkamp in Venezuela finanziell unterstützt. Tatsache ist, das Christina Haverkamp mit Ihrem Yanomami Freundeskreis aus der GfbV vor Jahren austrat, die GfbV aber laut Haverkamp weiterhin Einnahmen für Haferkamp’s Yanomami Projekte verbuchte – ohne diese jemals an die Yanomami Projekte auszuzahlen. Christina Haverkamp sollte Anzeige gegen die GfbV erstatten.

    Die dunklen, unethischen Machenschaften des GfbV Vereins sind nicht nur vielen NGOs, ehemaligen GfbV Mitgliedern und ex-ehrenamtlichen der GfbV bekannt, sondern seit 2011 auch endlich in die Öffentlichkeit gedrungen.

    Es wird von uns beobachtet wie die GfbV sich seitdem fleissig bemüht zumindest auf Wikipediaeintragungen in Englisch und Deutsch die Wahrheiten immer wieder zu beschönigen, zu löschen, und zu übertünchen. So behauptetet die GfbV Deutschland auf Ihrer webseite und auf Wikipedia, das Verfahren wäre eingestellt worden (da die Behauptung von Veruntreuung nicht stimmte). Tatsache ist, das die Pflichtbewussten ehemaligen Vorstandsmitglieder aus dem Verein herausgemobbt wurden und mit Ja-Sagern ersetzt wurden, diese dann in Ihrer Position als neuer Vorstand das Strafverfahren schleunigst zurückzogen. Allerdings, die ehemaligen Vorstandsmitglieder haben als Privatpersonen Ihre Anzeige wegen dem Vorwurf der Veruntreuung von Spendengeldern erneuert – und das Verfahren läuft weiter.
    Diese Information findet man nicht auf der GfbV webseite.

    In einem schlauen Schachzug hat die GfbV Schweiz nun ein Strafverfahren gegen den “mutmasslichen Täter” eingeleitet, und somit sich selber anzeigt. Der Vorstand und Geschäftsleitung sagen auf der GfbV Schweiz webseite das diese “Massnahmen ergriffen, um die Zukunft der GfbV zu sichern”.
    Die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern hat ein Strafverfahren eröffnet.
    
Die Stiftung Zewo, die schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen, wurde von der GfbV Schweiz über den Veruntreuungsfall informiert. Die GfbV verzichtet bis auf weiteres auf das Führen des Zewo-Gütesiegels.

    Das kann man nicht von der GfbV Deutschland sagen, diese benutzt das DZI Spendensiegel munter weiter als wäre nichts schlimmes passiert, oder als gäbe es keine Anschuldigungen und Anzeige wegen Veruntreuung von Spendengeldern. Auf der GfbV Deutschland webseite heisst es: “Die GfbV ist ausgezeichnet mit dem dzi-Spendensiegel für Transparenz und sorgfältigen Umgang mit Spendengeldern.”.

    Da fragt man sich, in wieweit ist so ein DZI Spendensiegel überhaupt legitim?

    Die GfbV Schweiz (und sicherlich auch die GfbV Deutschland) „hofft auf das Verständnis, das Vertrauen und die weitergehende Unterstützung ihrer Mitglieder und GönnerInnen“.

    Da gibt es sicherlich so einige, die sich bestens mit der GfbV auskennen, die davon dringend abraten würden.

  8. Ursula Cimen-Hogre says:

    Vom Umgang der „gesellschaft für bedrohte Völker“ mit bedrohten Völkern am Beispiel der Zaza

    BRIEF AN HERRN TILMAN ZÜLCH, DER VORSITZENDE DER “gfbv”
    Im Folgenden möchten wir einen Brief veröffentlichen, den wir im März dieses Jahres gesendet haben an den Vorsitzenden der „gfbv“, Herrn Tilman Zülch.
    Hintergrund war ein Kampagnenblatt der „gfbv“ zum EU-Beitritt der Türkei, in dem im Zusammenhang mit in der Türkei verfolgten Minderheiten zwar ständig die Rede war von den Kurden (und am Rande auch von Assyro-Aramäern, Armeniern und Yeziden), die Zaza jedoch mit keinem Wort erwähnt wurden, stattdessen aber reine Zaza-Widerstände als „Kurdenerhebungen“ bezeichnet wurden.

    Auf diesen Brief haben wir trotz unserer ausdrücklichen Bitte und einer Fristsetzung bis zum heutigen Tag keine Antwort erhalten.

    Offensichtlich will man also bei der „gfbv“ die tatsächlichen Sachverhalte, die inzwischen auch vielfach (sprach-) wissenschaftlich belegt sind, nicht zur Kenntnis nehmen.
    Dies ist für uns ein ungeheures Ärgernis, da doch gerade die „gfbv“ es sich zum zentralen Anliegen gemacht hat, bedrohte Völker in ihrem Kampf ums Überleben zu unterstützen. Stattdessen wird hier eine (Informations-) Politik wider besseres Wissen und damit ein erneuter, wenn auch „nur“ geistiger Völkermord betrieben.

    Von einer Überparteilichkeit dieser Gesellschaft kann jedenfalls keine Rede sein! Dies sollten auch ihre Mitglieder und Förderer wissen.

    Zu fragen bleibt noch, wessen Interessen durch dieses Verhalten vertreten werden sollen und welche Lobby dahinter steckt.

    Krefeld, 06.11.2005

    Ursula Cimen-Hogrebe, Hakki Cimen

    ***

    Hakki CIMEN
    Postfach 100419
    47704 Krefeld

    An die
    gesellschaft für bedrohte völker,
    z. H. Herrn Tilman Zülch
    Postfach 2024
    37010 Göttingen

    Krefeld, 11.03.2005

    Sehr geehrter Herr Zülch,

    mit großem Interesse habe ich das Kampagnenblatt „Türkei in die EU?” der gesellschaft für bedrohte völker gelesen, zumal ich selbst Betroffener bin.
    Irritiert hat mich allerdings der Untertitel „15 Millionen Kurden ohne Rechte!” und die Tatsache, dass in dem Papier als verfolgte Minderheiten in der Türkei ausschließlich aufgeführt werden die Kurden, Assyro-Aramäer, Armenier und Yeziden.
    Von dem immerhin ca. 5-7 Mill. Menschen umfassenden Volk der Zaza hingegen ist keine Rede, obwohl doch diese Gruppe in den Auseinandersetzungen zwischen PKK und türkischen Militärs genauso zwischen die Fronten geraten ist wie die kurdische Bevölkerung bis hin zur Zerstörung der Dörfer, Vertreibung der Menschen usw.
    Über diese unsachgemäße Darstellung hinaus werden in dem Artikel „Acht Jahrzehnte Kurden- verfolgung“ auch reine Zaza-Widerstände (Dersim) als „Kurdenerhebungen“ bezeichnet.

    Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche Forschungen mit entsprechenden wissenschaftlichen Belegen dazu, dass die Zaza ein eigenständiges Volk sind, das zwar mit den Kurden im selben Siedlungsraum lebt (wie weitere Völker der Region), jedoch ihre eigene Sprache, Kultur und Geschichte besitzen (Belege dazu im P. S.).

    Als besonders prekär empfinde ich diese Vereinnahmung von Zaza als Kurden in Schriften einer Gesellschaft für bedrohte Völker auch vor dem Hintergrund dessen, dass sich viele Zaza selbst heute noch ihrer eigentlichen Identität gar nicht bewusst sind und sich als „Kurden” bezeichnen, obwohl bzw. gerade weil sie von diesen jahrelang vor den PKK-Karren gespannt worden sind (vgl. P.A. Andrews in “Ethnic Groups in the Republic of Turkey” / Türkiye’de Etnik Grupler.Tüm Zaman Yay. Istanbul 1992, S. 22 f. : „Da im Raum Dersim die religiöse Bindung schwächer geworden war, hat die junge Generation den Marxismus/Leninismus unbewusst wie eine Ersatzreligion aufgesogen und sich damit identifiziert”) und auch heute noch vielfach für deren politische Zielsetzungen vereinnahmt werden.

    Auch in Ihrem Brief an die EU in Sachen Hüseyin Aygün bezeichnen Sie die Region Tunceli/Dersim als zu den „kurdischen Gebieten Süd- und Ostanatoliens“ zugehörig und sprechen davon, dass die Lokalzeitung Munzur Haber in „Türkisch und „Kirmancki“ erscheine. Die betreffende Region ist jedoch überwiegend von Zaza besiedelt.
    Der Anwalt bezeichnet sich selbst als Zaza und nicht als Kurde.
    Die genannten Familien, für die er Prozessbevollmächtigter ist, sind ebenfalls Zaza.

    Die nur von Zaza aus der Region Dersim für ihre Sprache gewählte Bezeichnung „Kirmancki“ hat mit der Bezeichnung für das kurdische Dialekt „Khurmanci“ eine klangliche Ähnlichkeit. Sie ist insofern irreführend, insbesondere auch deshalb, weil die beiden Bezeichnungen vielfach synonym verwendet werden, um damit Zaza zu Kurden zu machen. Was die Zaza-Sprache angeht, sollte man deshalb besser von „Zazaki“ sprechen. Fakt ist jedenfalls, dass es sich bei Kurden und Zaza um verschiedene Völker mit jeweils eigenen Sprachen und nicht etwa um Dialekte desselben Volkes handelt (siehe P.S.).

    Ich bitte daher darum, dass in Ihren Publikationen in Zukunft durchgängig eine entsprechende Unterscheidung vorgenommen wird, um den Betroffenen gerecht zu werden und am Volk der Zaza nicht einen erneuten – wenn auch „nur“ geistigen – Völkermord zu begehen.
    Dieses Volk war und ist existent, wird jedoch in seiner weiteren Existenz und Entwicklung bedroht durch Vereinnahmung nicht nur von türkischer, sondern insbesondere auch von kurdischer Seite. Umso wichtiger ist es daher, dass große Institutionen hier deutlich Zeichen setzen.

    Von großer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang auch, der Öffentlichkeit einen sachgerechten Einblick in die Verhältnisse zu gewähren, damit politische Forderungen im Hinblick auf Rückkehr der Vertriebenen in ihre Dörfer, Gleichberechtigung der Sprache und Kultur der Zaza usw. erhoben und durchgesetzt werden können.
    Dies ist nicht zuletzt auch eine Frage des Selbst-Bewusstseins der Betroffenen.

    Da ich eine fehlende Sensibilität in dieser Sache schon mehrfach beobachtet habe und dies für mich ein enormes Ärgernis darstellt, ich z. Zt. aber noch nicht sicher bin, ob diese beruht auf bloßer Unkenntnis der sicher komplizierten Sachverhalte oder auf einer Informationspolitik wider besseres Wissen, die geprägt wird durch eine bestimmte Lobby, bitte ich Sie innerhalb der nächsten 6 Wochen um eine Stellungnahme zu diesem Brief.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Hakki Cimen, Lehrer und Autor

    P. S.:

    Oskar Mann schreibt schon im Jahr 1906 aus Siverek:
    „Das Zaza ist kein kurdischer Dialekt, wie bisher allgemein angenommen ward.” (vgl. “Mundarten der Zaza hauptsächlich aus Siwerek und Kor”, K. Hadank, Berlin 1932, S.19) und:
    „Es bestätigt sich die schon vorher von mir verteidigte Ansicht, dass das Zaza überhaupt gar nicht kurdisch ist, sondern in engster verwandtschaftlicher Beziehung steht zu den Gurani-Dialekten in Persien, der Sprache aus Kändula (bei Kermansah) und Auraman.” (ebd., S.24) sowie:
    „Trotz der westwärts vorgeschobenen Lage und der viel geringeren Kopfzahl der Zaza im Vergleich zu Kurden hat die Zaza-Sprache kurdischen Einwirkungen sehr wenig nachgegeben.” (ebd., S. 23).
    Bei D. MacDowall (1996) heißt es:
    „Zazaki und Gurani sind miteinander verwandt und gehören zur nordwestiranischen Sprachgruppe. Kurmanci und Sorani (kurdische Dialekte) gehören zur südwestiranischen Sprachgruppe. Wahrscheinlich haben Zaza und Guranen mit Deylemiten (Deylamiten) und Gilanen (Gailanen) dieselben Wurzeln.”
    P. G. Kreyenbroeks:
    „Die kurdische Stämme dürften ursprünglich weiter südlich von den Medern gelebt haben. Irgendwann einmal wanderten sie nach Norden ab und ließen sich in Ostanatolien nieder. Möglicherweise vertrieben sie dabei ein anderes iranisches Volk, das vielleicht im Süden des Kaspischen Meers gelebt hatte. Ein Zweig davon, so scheint es, zog weiter nach Anatolien hinein, wo er zum Ahnen unserer zeitgenössischen Zaza oder Dimli – wurde, die jetzt im Dreieck zwischen Diyarbekir, Sivas und Erzurum leben.” und „ Die Sprache der Zaza ist mit jener der Gurani, von denen kleine Gruppen in der Gegend von Kermansah überlebten, verwandt.”
    Bei Joyce Blau heißt es:
    „Bevor die Kurden nach Anatolien kamen, lebten dort schon Zaza und Guranen und andere Völker. Die kurdischen Einwanderer besetzten später die Region, die man heute Kurdistan nennt. Die Kurden versuchten Zaza, Guranen und andere Völker zu assimilieren und benannten alle als „Kurden”.
    Es gelang ihnen aber nicht, die gesamten Volksgruppen zu assimilieren. So gibt es auch heute noch nicht kurdisch sprechende Völker in Kurdistan. Zaza und Guranen widerstanden diesen Assimilationsversuchen absolut.” (J. Blau im Wörterbuch „Kurdisch/Türkisch, Kurdisch/Französisch, Kurdisch/Englisch “, Sosyal Yay./Istanbul 1992, 1996).

    Weitere Informationen zur Thematik sind nachzulesen bei F. C. Andreas, V. Minorsky, D. N. Mackenzie, T. L. Todd, A. Christensen, A. M. Benedictsen, Andranik und den modernen Linguisten Zılfi Selcan, Jost Gippert, Ludwig Paul und C. M. Jacobson.

    Vom Umgang der gesellschaft für bedrohte völker mit bedrohten Völkern am Beispiel der Zaza – Teil 2
    Im Folgenden möchte ich die Antwort der gfbv auf meine Internet-Veröffentlichung des vorausgegangenen Schriftwechsels in Sachen Zaza-Identität (06.11.05) dem interessierten Leser zur Verfügung stellen.

    Ob der dort aufgeführte Grund für das 8- monatige (!) Ausbleiben einer Antwort („Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, …“) bei nach entsprechender Internet-Veröffentlichung nun innerhalb von 9 Tagen möglicher Antwort dem geneigten Leser glaubwürdiger erscheint als die von mir dahinter vermutete Lobby, möge dieser selbst entscheiden.

    Die tatsächliche Haltung der gfbv wird in Zukunft jedenfalls an ihren Taten in dieser Angelegenheit zu beurteilen sein, die ich sehr genau verfolgen werde.

    Den von der gfbv angefragten Artikel für die Zeitschrift „Pogrom – bedrohte Völker“ bin ich gerne bereit, bald möglichst zur Verfügung zu stellen.

    Auch dieses Forum werde ich in dieser Angelegenheit weiter nutzen, um den öffentlichen Charakter zu wahren.

    Hakki Cimen

    Thema: GfbV – Zaza
    Datum: 15.11.2005 13:10:03 Westeuropäische Normalzeit
    Von: europa@gfbv.de
    An: Xhakki@aol.com

    Kopie an:info@gfbv.de, politik@gfbv.de, a.hermes@gfbv.de, presse@gfbv.de, europa@gfbv.de, redaktion@gfbv.at, hans.bogenreiter@gfbv.at, office@gfbv.at, info@peuples-menaces.ch, ruth-gaby.vermot@peuples-menaces-ch, franziska.stocker@peuples-menaces.ch, andre.rollinger@online.lu, smergen@pt.lu

    Liebe Freunde, sehr geehrter Herr Cimen,

    wir danken Ihnen herzlich für Ihren Brief und auch für die nochmalige Aufforderung zu einer Antwort. Wir möchten uns gleichzeitig entschuldigen, dass wir bislang noch nicht reagiert haben. Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, so dass es leider vorkommt, dass wir nicht schnell oder auch nicht angemessen reagieren. Das tut uns sehr leid und wird sich hoffentlich bald ändern. Wir haben Ihren Brief mit großem Interesse aufgenommen und möchten uns als Organisation gerade für Minderheiten mehr Zeit für eine Recherche vor Ort nehmen. Wir haben viele Freunde aus der Region Tunceli / Dersim und auch Kontakte in die Region, so dass es uns hoffentlich gelingen wird, mehr zu erfahren. Wir möchten Ihnen gerne vorschlagen, Ihren Standpunkt und die von Ihnen zitierten Forschungsergebnisse in einem Beitrag für unsere Zeitschrift „Pogrom – bedrohte Völker“ zusammen zu fassen. Wir werden uns nach einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema nochmals mit Ihnen in Verbindung setzen und sind froh über Hinweise auf Forschungsergebnisse und andere Quellen. Seien Sie versichert, dass die ausbleibende Antwort auf Ihren Brief nichts mit der von Ihnen angesprochenen Lobby zu tun hat, sondern leider alleine mit unseren mangelnden Ressourcen im Nahostreferat und vielen dringenden Aufgaben und Anfragen z.B. auch von Menschen, die akut von Abschiebung in die Türkei bedroht sind, nachdem sie viele Jahre hier gelebt und ihre Kinder hier aufgezogen haben und dergleichen mehr.

    Mit Bitte um Ihr Verständnis und herzlichem Gruß auch von unserem Generalsekretär Tilman Zülch, Sarah Reinke

    ==========================================
    Gesellschaft fuer bedrohte Voelker
    Europa-Referat
    Postfach 2024, D-37010 Goettingen
    Tel.: +49/551/49906-0, Fax: +49/551/58028
    E-Mail: europa@gfbv.de, Homepage: http://www.gfbv.de

    Hakki Cimen
    Postfach 100419
    47704 Krefeld/ D

    Krefeld, 21.11.05

    Sehr geehrter Herr Zülch,

    es hat mich gefreut, nach 8 Monaten doch noch eine Antwort auf meine Anfrage vom 11.03.05 in Sachen „Zaza-Identität und Umgang der gfbv mit dieser Frage“ erhalten zu haben.

    Die von Ihrer Mitarbeiterin Frau Sarah Reinke vorgebrachte Entschuldigung für die verspätete Reaktion („Leider ist unser Nahostreferat schon seit einer längeren Zeit aus verschiedenen Gründen nur stiefmütterlich besetzt, …) kommt mir jedoch nicht glaubwürdig vor, war doch nach meiner Veröffentlichung im Internet plötzlich eine Antwort innerhalb von nur einer Woche möglich.

    Die tatsächliche Haltung der gfbv in dieser Angelegenheit wird in Zukunft jedenfalls an ihren Taten zu beurteilen sein, die ich sehr genau verfolgen werde.

    Den angefragten Artikel für die Zeitschrift „Pogrom – bedrohte Vö¶lker“ bin ich gerne bereit, bald mö¶glichst zur Verfügung zu stellen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Hakki Cimen

    Zaza-House
    Berlin am 2004-06-17
    Akademikervereinigung der Zaza in Europa
    Eschgo@freenet.de
    An die Gesellschaft für bedrohte Völker
    z. H. Herrn Zülch
    Postfach 2024
    37010 Göttingen
    Sehr geehrter Herr Zülch,

    In ihrem Kampagnenblatt „Türkei in die EU?“ ihrer Gesellschaft, verleugnen sie die Existenz des Zaza – Volkes. Das führt zur ungleich Behandlung der Minoritäten, deren Rechte sie doch bisher verteidigt haben.

    Sie sind verpflichtet als öffentliche Institution diese Fehlbehandlung zu korrigieren.

    Unser Volk wird sowohl im Heimatland als auch in der deutschen Diaspora unterdrückt. Unsere Zaza- Kinder wurden im „muttersprachlichen Türkischunterricht“ in den Schulen türkisiert. Ihre Ursprungsidentität wird damit entwertet mit dem Begriff des Bergtürken. Diese Entwertung zeitigt Konsequenzen bis in Eltern –Kindbeziehung. Dies fällt nach der Haager Konvention Absatz 2 unter Genozid, der im Geltungsbereich des deutschen Grundgesetzes durchgeführt wird. 1937/38 wurde von der türkischen Zentralgewalt mit Hilfe der Kurden an unserem Volk ein Genozid verübt. Zur Verschleierung dieses „Crimen Magnum“ sprechen die Türken von einem Bürgerkrieg und die uns vereinnahmenden Kurden von einem kurdischen Aufstand in Dersim.

    Der Völkermord an unserem Volk wird verschleiert durch die großen Völkermordlügen der Türken und auch der Kurden.

    Die Unterdrückung des Zazavolkes ist so vielschichtig, dass sie immer noch Schwierigkeiten haben zu einer politischen Repräsentanz zu kommen. Auf Grund dieser Schwierigkeiten werden die Zaza von allen politischen Kräften vereinnahmt. Die Türken machen aus uns Bergtürken und die nationalistischen Kurden ordnen uns ihrer eigenen Ethnie unter um ihr Territorium zu vergrößern. Das sind Tatsachen von denen ihre Gesellschaft sich durch die unterschiedlichen politischen Strömungen nicht irritieren lassen sollte, um die Rechte der Zaza, wie die aller anderen Minoritäten mutig zu verteidigen.

    Wir gehen davon aus, dass wir ihnen bisher unbekannt sind. Deshalb wird der Verfasser der „Narren“, Herr Hakki Cimen in einer weiteren Stellungsnahme das Volk der Zaza näher erklären.

    Mit freundlichen Grüßen

    Zaza-House

    Der Vorstand

    Esther Schulz-Goldstein, Dr. Zülfü Selcan

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